Symptomatik und klinische Befunde

von Ulf Baumhackl

Der klinische Befund bei MS kann sehr vielfältig sein. Die Symptome entwickeln sich bei schubförmigem Verlauf akut innerhalb von Stunden oder subakut über mehrere Tage. Chronisch-progre­diente Verläufe sind durch eine meist langsame kontinuierliche Verschlechterung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monate hinweg charakterisiert.

Eine Übersicht häufiger klinischer Symptome zu Beginn der Erkrankung und im späteren Verlauf ist in der Tab. zusammengestellt.

 BeginnVerlauf
Parese2289
Sensibilitätsst.3487
Ataxie2282
Blasenstörung171
Fatigue257
Krämpfe0,652
Doppelbilder851
Sehstörung1349
Darmentleerung044
Dysarthrie0,637
Vertigo4,336
Gesichtsschmerz235
Gedächtnis0,332
Kopfschmerz230
psychische Symptome0,323
Hörstörung0,617
Fazialisparese116
Dysphagie0.313
Schmerzen012
Blackout0,611
Geschmacksstörg.0,36

Aus: Häufigkeit der Symptome bei MS (%), n=301 (nach Swingler RJ et al. The clinical features of Multiple Sclerosis in south east wales. QJ Med 83: 325-337).

Wann soll man an die Diagnose Multiple Sklerose denken?

Neurologische Symptomatik der schubförmig verlaufenden MS zu Erkrankungsbeginn:

Sensibilitätsstörungen (30-40 %):

Parästhesien (Ameisenlaufen) bzw. eine Beeinträchtigung der Berührungsempfindung in ein oder mehr Extremitäten, meist an Händen und Füßen allmählich beginnend, dann Ausbreitung und an Intensität zunehmend. Eventuell Übergang auf (untere) Stammregion und die andere Körperseite. Lhermitte-Zeichen (ca. 5 %): beim Neigen des Kopfes nach vorne “elektrisierendes” Gefühl im Rücken und in den Beinen.
Neurologische Untersuchung: Vibrationssinn, Zahlen erkennen vermindert. Störung von Schmerz- und Temperaturempfinden seltener.

Motorische Störungen (Mono- oder Paraparese), Gangstörung (30-40 %)

Ausmaß variabel, von leichter Beeinträchtigung (Ungeschicklichkeit, Ermüdbarkeit, Schweregefühl, Steifigkeitsgefühl der Beine) bis zu hochgradiger Lähmung reichend.

Sehstörungen – Optikusneuritis (15-20 %)

Akut oder subakut Nachlassen der Sehschärfe (auf einem Auge), Zentralskotom (Sehverlust in der Mitte des Gesichtsfeldes), Störung des Farbensehens. Häufig Schmerzen bei Augenbewegungen. Augenhintergrund unauffällig (5-10 % Sehnervpapillenödem), Sehnervpapillenabblassung nachWochenfeststellbar.
Neurologische Untersuchung: Sehprobentafel. Untersuchung der visuell evozierten Potentiale (VEP) kann eine asymptomatisch abgelaufene Sehnerventzündung (Retrobulbärneuritis) nachweisen.

Hirnnervensymptome (10-15 %)

Doppelbilder, periphere Fazialisparese, seltener (zu Beginn) sensible Störung im Gesicht oder Trigeminusneuralgie. Vertigo (Schwindel)- isoliert oder mit anderen Hirnstammsymptomen.
Neurologische Untersuchung: Abduzensparese (6.Hirnnerv), seltener Okulomotorius (3.Hirnnerv) betroffen. Doppelbilder maximal beim Seitwärtsblick, kaum beim Geradeausschauen. Nystagmus (Augenzittern).

Fatigue (abnorme Ermüdbarkeit, normaler Tagesablauf kann nur erschwert bewältigt werden)

Selten liegen bei Krankheitsbeginn Kleinhirn-Störungen, Harnblasenentleerungsstörungen, kognitive Beeinträchtigungen, Schmerzen vor.

Das erstmalige Auftreten einer klinischen Symptomatik, welche den Verdacht auf die Diagnose MS ergibt, wird bei schubförmigen Verlauf “klinisch isoliertes Syndrom” (CIS), entsprechend dem ersten Erkrankungsschub bezeichnet.

Der Krankheitsbeginn der primär progredient verlaufenden MS (PPMS) ist schleichend, dies bedeutet eine zunächst fast unmerkliche Symptomatik, die sich über den Zeitraum von Monaten verstärkt und meist erst später erkannt wird. In der Mehrzahl liegt eine spastische Parese der Beine vor.

Handelt es sich um eine zerebrale klinische Symptomatik, wird die Durchführung einer MRT-Untersuchung von Gehirn und ev. Rückenmark vorzunehmen sein. Bei spinaler klinischer Präsentation (etwa Myelitis – Rückenmarksentzündung) werden eine spinale und eine zerebrale MRT empfohlen. Bei Optikusneuritis (Sehnerventzündung) soll die MRT des Gehirns auf jeden Fall durchgeführt werden.

Ergänzend sind Untersuchungen von Liquor und VEP sehr zu empfehlen.