Hippotherapie

von Ch. Hohenwarter

Unter Hippotherapie versteht man Physiotherapie mit und auf dem Pferd, therapeutisches Reiten oder „Gehen mit geliehenen Beinen“. Die Hippotherapie ist eine Bewegungsbehandlung mit dem Pferd als Simulator und eine hervorragende Ergänzung zur herkömmlichen Physiotherapie für neurologische und orthopädische PatientInnen jeder Altersgruppe. Die Therapieansätze sind umfassend, da das ganze Pferd in Bewegung ist und somit die Wirkung den ganzen Menschen betrifft und nicht nur sein Bewegungsproblem.

Das Pferd wirkt über seine Bewegung, seinen Körper und sein Wesen. Unbedingt erforderlich ist ein geeignetes Tier mit ausgeglichenem Temperament, das nicht zu groß ist und keinen zu breiten Rücken haben sollte. Das Tier muss die Gangart Schritt beherrschen, da die Therapie vor allem in dieser Gangart durchgeführt wird. HippotherapeutInnen sind speziell ausgebildete PhysiotherapeutInnen, die dabei durch fachgerechtes Unterstützen helfen. Die rhythmische Pferdebewegung wirkt sich muskelentspannend aus, weiters reguliert sie Atmung und Gleichgewicht. Ebenso wird ein unvergleichliches Rumpftraining erzielt, welches wiederum Kopfhaltung, Schultergürtel- und Armbewegungen verbessern kann. Die Schwingungsimpulse vom Pferd ermöglichen eine hervorragende Gangschulung; auch Rhythmus und Symmetrie werden positiv beeinflusst. Funktionell eingeschränkte Gelenke können durch das therapeutische Bewegen mobilisiert werden.

Durch das Spüren des Pferdekörpers kann es zu Besserung von Wahrnehmungsstörungen kommen. Die Wechselwirkung von Motorik und Wahrnehmung ist für jeden Lernprozess ausschlaggebend. Das Raumlagebewusstsein wird durch das Gleichgewichtssystem stimuliert; ebenso wird die Tiefensensibilität (Wahrnehmung von Reizen aus dem Körperinneren) durch den Druck und Gegendruck gefördert. Da die Körpertemperatur des Pferdes um ca 1 Grad höher als beim Menschen liegt, werden diese Reize durch die Wärmeübertragung noch verstärkt. Das Wesen des Pferdes fördert auch psychosoziale und emotionale Funktionen. Durch die vielfältigen Sinnesreize im Rahmen des Therapiegeschehens werden zahlreiche mentale Fähigkeiten angeregt. Die PatientInnen erleben Zuneigung, nehmen an einem einzigartigen Resonanzraum für sich und ihre Persönlichkeit teil und können daraus große Motivation und Freude schöpfen. Durch die ganze Beziehungsebene um das Pferd mit Stall, Haltung und Pflege werden die PatientInnen im Leben eingebunden und erfahren soziale Resonanz und ein neues Selbstwertgefühl.

Mögliche Wirkungen der Hippotherapie zusammengefasst: Regulation der Muskelspannung, Verbesserung der Rumpfaufrichtung, Koordination und Stabilisierung der Wirbelsäule, Stimulation von Gleichgewichtsreaktionen, Dehnen verkürzter Muskulatur, Sehnen und Bänder, Mobilisation von Gelenken, Symmetrie von Bewegungen, Regulierung der Atmung und Mundmotorik, Erweiterung der Wahrnehmung, Steigerung der Konzentration, Förderung der Kommunikation, Stärkung des Selbstwertgefühls, Freude!

Neurologische Anwendungsgebiete für Hippotherapie:

Frühkindliche Hirnschädigung, Multiple Sklerose, Schädelhirnverletzungen, Schlaganfall, Querschnittslähmung, Rückenmarkserkrankungen, Schiefhals, entwicklungsbedingte Nervenerkrankungen, Nervenerkrankungen nach Verletzungen oder Entzündungen.

Hippotherapie und Multiple Sklerose:

Behandlungsziele sind Bessern oder zumindest Erhalten von Bewegungsfunktionen durch Beeinflussung gestörter und Training funktionsfähiger Muskeln; Verhindern von drohenden Verkürzungen, Wirbelsäulen-Fehlhaltungen und Rumpfschwäche (mit Rückwirkung auf Atmung und Kreislauf) und Vorbeugung von Ruhigstellungen von Körperteilen, darüber hinaus Steigerung der Lebensqualität.

Der Einsatz der Hippotherapie kann frühzeitig bei noch geringer Bewegungsstörung erfolgen, aber auch beim/bei der RollstuhlpatientIn. Voraussetzungen sind ausreichende Spreizfähigkeit der Beine, Hüftbeweglichkeit und Rumpfbalance für den freien Sitz.

Gegenanzeigen sind: akuter Schub, Blasen-Nierenentzündung, Hautdruckgeschwüre, starker Knochenschwund, unzureichend eingestelltes Anfallsleiden, akuter Bandscheibenvorfall, Pferdehaarallergie, zu starke Wirbelsäulenkrümmung. Vorsicht geboten ist bei zusätzlichen Infekten oder zu starker Sommerhitze. Eine weitere Voraussetzung für jede Therapie mit und auf dem Pferd ist, dass der/die PatientIn keine Angst vor Pferden hat.

„Alles wird bewegt mit dem Pferd- nichts bleibt unbewegt mit dem Pferd.“

Quelle: Ingrid Strauß: Hippotherapie. Physiotherapie mit und auf dem Pferd. 4. Auflage