Diagnose

von Helmut Rauschka

Magnetresonanztomograph (MRT-Maschine)
Magnetresonanztomographie-Bild des Gehirns bei MS
Lumbalpunktion mit Gewinnung des Liquors (Nervenwasser)

Am Anfang steht das Gespräch mit dem Facharzt für Neurologie. Besprochen werden Art und zeitlicher Verlauf der Beschwerden und Symptome sowie eventuelle frühere Erkrankungen – man nennt dies die „Anamnese“. Die anschließende neurologische Untersuchung (der „Neurostatus“) kann wichtige Hinweise geben, ob Störungen des Zentralnervensystems (also von Gehirn, Rückenmark und Sehnerven) vorliegen. Untersucht werden Muskelkraft, Reflexe und Koordination sowie Hautsinne und die Funktion der anderen Sinnesorgane.

Besteht nun für den Neurologen der Verdacht auf MS folgen weitere Untersuchungen. Am wichtigsten ist nun die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und eventuell auch des Rückenmarks. Bei dieser völlig schmerzlosen Untersuchung befindet sich der Patient für 15-30 Minuten auf einer Liege in einer auf beiden Seiten offenen Röhre; durch Magnetfelder können nun Millimeter-genaue Schichtbilder von Gehirn und Rückenmark aufgenommen werden, sofern nötig kann auch ein Kontrastmittel verabreicht werden. Frische oder ältere Entzündungsherde im Rahmen einer MS können so sichtbar gemacht werden, allerdings können sehr ähnliche Veränderungen auch bei vielen anderen Erkrankungen auftreten. Auch wenn sich daher in den MRT-Bildern auf MS verdächtige Herde („Läsionen“ oder auch „Plaques“ genannt) zeigen, sollte die Diagnose auf jeden Fall durch weitere Untersuchungen abgesichert werden.

In aller Regel folgt nun eine Untersuchung des Nervenwassers (des „Liquors“). Durch eine Lumbalpunktion wird mit einer feinen Nadel im Bereich der Lendenwirbelsäule das Nervenwasser aus dem Wirbelkanal entnommen. Durch spezielle Laboruntersuchungen des Liquors lässt sich nun feststellen, ob eine Entzündung im Zentralnervensystem vorliegt. Vor allem der Nachweis sogenannter „oligoklonaler Banden“ (spezielle, von Entzündungszellen im Liquor gebildete, Eiweißstoffe) spricht für die Diagnose einer MS. Da aber entzündliche Liquorveränderungen wie z.B. „oligoklonale Banden“ auch bei anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems vorkommen können, ist auch durch die Liquoruntersuchung kein „Beweis“ der Diagnose MS möglich.

Eine weitere wichtige (und nicht schmerzhafte) Untersuchung ist die Messung der „visuell evozierten Potentiale“ (kurz VEP genannt). Hierbei betrachtet man wechselnde schwarz-weiß Muster auf einem Bildschirm während die dadurch ausgelösten Hirnströme mittels Klebeelektroden von der Kopfhaut abgeleitet werden. Durch kann man die Leitfähigkeit und Leitgeschwindigkeit der Sehnerven messen. Da zumindest in den frühen Stadien einer MS die Schädigung des Myelins (der Isolierschicht der Nervenfasern) im Vordergrund steht, spricht eine Erniedrigung der Leitgeschwindigkeit für eine Sehnervenschädigung durch MS. Durch wiederholte Reizung von Nerven an Händen und Füßen durch kleinste Stromimpulse kann man auf ähnliche Weise (durch Ableitung dadurch ausgelöster Hirnströme von der Kopfhaut) auch die Leitgeschwindigkeit und Funktion des Rückenmarks messen und Hinweise auf eine mögliche Schädigung durch MS-Herde erhalten (sogenannte „sensible evozierte Potentiale, kurz SEP genannt“). Obwohl sowohl VEP als auch SEP Untersuchungen Hinweise auf das Vorliegen einer MS liefern können, können dieselben Veränderungen auch bei anderen Erkrankungen des Zentralnervensystems auftreten, und beweisen daher nicht die Diagnose einer MS.

Schließlich werden auch Blutuntersuchungen im Labor durchgeführt, vor allem, um andere Erkrankungen, die einer MS ähneln könnten, auszuschließen.

Wie diagnostiziert man nun also MS ? Was „beweist“ die Erkrankung ? … Es ist nicht die einzelne Untersuchung die zählt, sondern die Kombination charakteristischer Befunde! Wesentlich sind der Nachweis von im Verlauf der Zeit wiederholt auftretenden entzündlichen Herden in Gehirn, Rückenmark und Sehnerv und der Nachweis, dass diese Herde an jeweils unterschiedlichen Stellen entstehen. Von großer Wichtigkeit ist auch der Ausschluss einer großen Zahl anderer Erkrankungen, die einer MS ähneln können und nicht verwechselt werden dürfen! In der Zusammenschau all dieser Befunde gelingt es dem in MS erfahrenen FA für Neurologie, die richtige Diagnose zu stellen.